Ich wollte es so normal wie andere auch – Walter Guttmann erzählt sein Leben
1. Dezember 2011 | Von andr | Kategorie: Bücher
Erlebnis- und Erfahrungsberichte von Zeitzeugen des Nationalsozialismus werden immer seltener, auch wenn viele Betroffene erst im Alter die Kraft finden und das Bedürfnis verspüren sich anderen mitzuteilen. Umso beeindruckender ist dieser erste Bericht eines ehemaligen Häftlings des KZ Bergen-Belsen, eines der wenigen westdeutschen Konzentrationslager, in dem – mit großer Selbstverständlichkeit – auch von homosexuellen Erfahrungen die Rede ist.
Walter Guttmann wird 1928 in Duisburg geboren (Heute liegen dort mehrere Stolpersteine für seinen umgekommenen Familienangehörigen) und hat als Einziger sofort dunkle Haare: „Also damit fing’s an“, so kommentiert er lakonisch. Er besucht eine jüdische Schule in Duisburg und wird erzogen, um nach Palästina zu gehen. Seine beiden Eltern sterben bereits vor dem Zweiten Weltkrieg. Die zweite Hochzeit seines verwitweten Vaters wird 1938 durch die Pogromnacht verhindert. „Die Kristallnacht war der große Bruch mit dem normalen Leben.“ Am 09.11.38 wird sein Vater abgeholt. Schwerkrank kehrt er aus Dachau zurück und stirbt noch im selben Jahr an den Folgen seines Aufenthalts im Straflager. Noch vor Kriegsbeginn landet Walter in den Niederlanden, schließlich bei einer Pflegefamilie in Haarlem. Während seiner Zeit in den Niederlanden erblüht auch sein Sexualtrieb („Also für einen Jungen von zwölf Jahren bin ich gut aufgeklärt worden.“) und sehr selbstverständlich fließen die Schilderungen seiner Kontakte zu Jungen und später zu Männern immer wieder in die Lebensgeschichte ein.
Auch wenn für ihn die Kategorie Homosexualität noch gar nicht existierte („Für mich war das sehr normal“), fanden sich selbst im Konzentrationslager immer wieder Gelegenheiten für Sexualkontakte und Beziehungen – und gerade diese bewegenden Schilderungen des Guten im Schlechten machen das Buch zu einem so beeindruckenden und authentischen Zeugnis über das Alltagsleben in jeder Phase seines Lebens. Auf Außenstehende, so auch die Einordnung im Nachwort, mag der Text insgesamt „zu konfliktfrei und zu harmonisierend“ erscheinen, aber das Beeindruckende an Lebensgeschichten von Menschen, die Konzentrationslager überlebt haben, ist nun einmal, dass ihnen nichts anderes übrig bleibt, als ihre Erfahrungen als Teil ihres persönlichen Lebenslaufes und damit bei aller Grausamkeit auch mit einer gewissen faktischen Selbstverständlichkeit in ihr Leben einzuordnen, auch wenn diese Anforderung von außen betrachtet fast übermenschlich erscheinen mag und nicht alle sie so gut wie Walter Guttmann bewältigt haben. Aber auch bei ihm meldet sich im Alter schließlich die Psyche…
Nach und nach werden auch die Niederlande mit besonderen Vorschriften und Verboten für Juden überzogen. Walter wird versteckt und kann lange in den Niederlanden bleiben. Doch im September 1943 wurde er abgeholt und gelangte über das niederländische Durchgangslager Westerbork im Februar 1944 nach Bergen-Belsen. Detailliert beschreibt er die Lebensverhältnisse im Lager und geht dabei sehr ehrlich mit den eigenen Gefühlen um, die ihn noch heute erschrecken („Was ich den Deutschen am meisten übel nehme, ist, dass sie aus mir ein Tier gemacht haben, nicht nur aus mir, sondern aus jedem.“). Nach der eher kompliziert verlaufenden Befreiung hat er lange mit den gesundheitlichen Folgen seines KZ-Aufenthalts zu kämpfen und erkrankt in mehreren Schüben an Tuberkulose.
Die Rückkehr in die Niederlande ist ebenfalls alles andere als einfach. Als er das erste Mal wieder Sex hat, wertet er das als Zeichen der Rückkehr von Normalität, nachdem er lange Zeit zu schwach war, um überhaupt ein Bedürfnis nach Sexualität zu verspüren. In den Niederlanden wird er in der jüdischen Jugendbewegung aktiv und nimmt in Israel an einem Gruppenleiterkurs für zionistische Jugendgruppenleiter aus dem Ausland teil. Ab 1953 ist er für die linke jüdische Jugendbewegung „Habonim“ (Die Aufbauer) tätig und arbeitet ab 1955 zusätzlich im israelischen Konsulat in Amsterdam. Im Dezember 1958 schließlich wandert er nach Israel aus und blickt dort inzwischen befriedigt auf ein sehr erfolgreiches Berufsleben und seine heutige angenehme Lebenssituation in der Altersresidenz für Juden aus den Niederlanden mit dem treffenden Namen Beth Juliana zurück. Er schildert auch das schwule Leben in Tel Aviv über die Jahrzehnte hinweg („ich war nie monogam.“) und das Leben in zwei Welten, der schwulen und der beruflichen.
Entstanden ist das Buch aus langen Gesprächen zwischen Walter Guttmann und dem Soziologen Michael Bochow sowie einem Videointerview in der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Der Text wurde vom Historiker Andreas Pretzel sensibel bearbeitet. Ein Nachwort des wissenschaftlichen Leiters der Gedenkstätte Bergen-Belsen, Thomas Rahe, ordnet das Interview historisch und persönlich auf den Interviewten bezogen ein. Entstanden ist ein ebenso beeindruckendes wie schockierendes Zeugnis aus einer Zeit, für die es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird.
Ansgar Drücker
Michael Bochow / Andreas Pretzel (Hg.)
Ich wollte es so normal wie andere auch Walter Guttmann erzählt sein Leben
Mit einem Nachwort von Thomas Rahe
Edition Waldschlösschen Bd. 10
14,00 EUR (D),
ISBN: 978-3-86300-102-5
E-Book: 11,00 EUR