Ein Anfang vor dem Ende

12. Juli 2010 | Von admin | Kategorie: Fernseh/Radio-Tipps

24.07.2010,00.40 Uhr,  arte
Ein Anfang vor dem Ende
(Avant que j’oublie)
Spielfilm, Frankreich 2007, Originalfassung mit Untertiteln

(Bild: Arte F)

Paris, 4.33 Uhr in der Nacht: Ein gebrechlicher Mann wälzt sich stöhnend vor Schmerzen in seinem Bett. Es ist stockdunkel, er muss sich übergeben. Dann schaltet er das Licht an, kocht seinen Kaffee und setzt sich an seinen Schreibtisch. Am Morgen wacht er auf seiner abgenutzten Couch im Wohnzimmer auf, noch immer allein.
Pierre, 58 Jahre alt, lebt gefangen in der Vergangenheit. Mit der Zeit lässt sich für ihn sowohl das Alleinsein als auch die Außenwelt immer schlechter ertragen. Unter Einfluss von Psychopharmaka schließt er sich immer mehr ein, in seiner Wohnung und in sich selbst: Dort glaubt er, sich am wenigsten schlecht fühlen zu müssen.
Pierre, der frühere Gigolo und Schwarm älterer Herren, muss nun selbst für den Sex mit jungen Männern zahlen, die ihn nicht mal mehr befriedigen können. Auch seine zweite Profession, das Schreiben, will Pierre nicht mehr gelingen, wartet er doch vergeblich auf eine Inspiration. Mit einem alten Freund hat er sich zum Mittagessen verabredet – ein Freund, den er seit 30 Jahren kennt, ein Freund, der “zu seinem Vater, zu seiner Mutter, zu seiner Bank” geworden war. Doch der Freund kommt nicht.
Die Nachricht vom Tod seiner alten Liebe trifft Pierre wie ein Schlag: Plötzlich sieht er sich konfrontiert mit Justiz und Familie – das Testament ist verschwunden -, mit der Negativentwicklung seiner Aidserkrankung und der Dringlichkeit einer Therapie samt Nebenwirkungen. Letztlich ist Pierre allein mit sich selbst und seiner eigenen Angst. Er muss sich zusammenreißen, muss Abstand gewinnen zu sich selbst, um sich wieder näher zu kommen: So rät ihm sein Psychologe bei den viertelstündigen Sitzungen, das Leben leicht zu nehmen und junge Leute zu treffen. Pierre hört auf den Analytiker und beginnt, langsam wieder Fuß zu fassen, ein paar Freunde wieder zu sehen, hin und wieder Hilfe von jungen Gigolos in Anspruch zu nehmen und endlich seine Fantasien auszuleben.

“Ein Anfang vor dem Ende” (“Avant que j’oublie”) ist das Porträt eines 58-jährigen Mannes, der gegen die Geister der Vergangenheit sowie gegen seine inneren Dämonen anzukämpfen versucht und dabei verzweifelt seine eigene Identität zu finden sucht.
Jacques Nolot, geboren 1943, arbeitete in erster Linie als Dramatiker (zum Beispiel in “La Matiouëtte”) und Drehbuchautor. Gleichzeitig übernahm er kleinere Filmrollen, unter anderem in “Die Spaziergängerin von Sans-Souci” (1982) von Jacques Rouffio sowie in mehreren Filmen von André Téchiné. Mit dem Kurzfilm “Manège” legte Nolot 1986 sein Regiedebüt vor. Auf seinen ersten Spielfilm “Hinterland” (“L’arrière pays”, 1997), der beim Toronto International Filmfestival in der Reihe “Discovery” gezeigt und 1998 beim Filmfestival von Cannes mit einem Nachwuchspreis ausgezeichnet wurde, folgte 2002 “La chatte à deux têtes” (“Zwei Köpfe hat die Mieze”).
Auch in seinem neuesten Film “Ein Anfang vor dem Ende” ist Nolot Autor, Regisseur und Hauptdarsteller in einem. Die Grenze zwischen Autobiografie und Fiktion erscheint hier ebenso fast fließend. So war Nolot etwa wie seine Hauptfigur “Pierre” der Geliebte von Roland Barthes.
Doch das wahrhaft Erstaunliche an der Regiearbeit des 66-Jährigen ist, dass er in seinen äußerst nüchtern erzählten Filmen vor Tabus zurückschreckt und diese mit so großer Selbstverständlichkeit in den Alltag seiner Figuren einbaut, dass sie ebenso komisch wie tragisch wirken. Jacques Nolot vermag menschliches Leiden und lebensweltliche Abgründe auf eine künstlerisch anmutende, widersprüchliche Weise ins Bild zu setzen – sachlich, sensibel, kühl, tiefsinnig.

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