Protest gegen geplante Umgestaltung des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen
10. April 2010 | Von ufa | Kategorie: Politik + GesellschaftLeiter der KZ-Gedenkstätten warnen vor „Verfälschung der Geschichte“
Mit einem Offenen Brief haben sich die Leiter der deutschen KZ-Gedenkstätten und verschiedene andere Persönlichkeiten an den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und den Regierenden Bürgermeister von Berlin gewandt. Darin bringen sie ihre „große Sorge“ über die geplante Umgestaltung des Berliner Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen zum Ausdruck. Die Unterzeichner des Briefes befürchten eine „Verzerrung und Verfälschung der Geschichte wie des Andenkens an die Verfolgten“.
Hintergrund ist die Ausschreibung für einen neuen Film, der künftig in dem im Mai 2008 eingeweihten Denkmal gezeigt werden soll. Bislang ist dort eine Kussszene zweier Männer zu sehen, weil im „Dritten Reich“ Küsse zwischen Männern strafbar waren:
Nun ist es soweit: Die Jury tagte zum ersten Mal am 24. März, an sie ging der folgende offene Brief:
“Offener Brief
Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen
Hannover, 18. März 2010
Sehr geehrter Herr Staatsminister,
am 27. Mai 2008 haben Sie in Berlin das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen eingeweiht. Mit der Errichtung des Denkmals vollzog die Bundesrepublik Deutschland einen wichtigen Schritt zur Anerkennung und Würdigung der homosexuellen KZ-Opfer. Wir hatten diesen nach Jahrzehnten des Vergessens und Verschweigens überfälligen Schritt lange eingefordert und schließlich mit Befriedigung zur Kenntnis genommen.
Mit großer Sorge erfüllt uns nunmehr die Ausschreibung für einen neuen Film für das Denkmal. Äußerst irritiert sind wir über den Ausschreibungstext vom Oktober 2009, demzufolge im Denkmal künftig Interpretationen „einer gleichgeschlechtlichen Kussszene“ gezeigt werden sollen.
Die derzeit gezeigte Kuss-Szene zweier Männer ist ein integraler Bestandteil des Entwurfs der Künstler Michael Elmgreen und Ingar Dragset, der durch eine unabhängige Jury und unter großer Beteiligung der Öffentlichkeit ausgewählt wurde. Historischer Bezugspunkt ist die Kriminalisierung mann-männlicher Küsse mit der Strafverschärfung des § 175 RStGB durch die Nationalsozialisten im Jahre 1935.
Die mit der Ausschreibung nunmehr signalisierte inhaltliche Ausweitung des filmischen Konzepts hin zu Interpretationen „einer gleichgeschlechtlichen Kussszene“ würde es künftig z.B. ermöglichen, auch einen lesbischen Kuss zu zeigen, wie es von verschiedenen Seiten im Sinne einer angeblichen „Gleichberechtigung“ bereits gefordert wird. Eine derartige Neuinterpretation würde aber nicht nur das ursprüng¬liche künstlerische Konzept des Denkmals in Frage stellen. Sie würde auch zu einer Verzerrung und Verfälschung der Geschichte wie des Andenkens an die Verfolgten führen, die wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen ist.
Es ist historisch nicht zu belegen, dass lesbische Frauen im Nationalsozialismus individueller Verfolgung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ausgesetzt gewesen seien. Genau dieser Eindruck würde aber erweckt, wenn im Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen künftig ein Film mit einer Kussszene lesbischer Frauen gezeigt würde.
Wohl ist es richtig, dass im „Dritten Reich“ auch die Freiheitsrechte lesbischer Frauen beschnitten wurden, z.B. dadurch, dass man ihre Zeitschriften verbot. Darin unter-schied sich ihr Schicksal nicht von dem der großen Mehrheit der Deutschen, die nun unter den Bedingungen eines totalitären Regimes zu leben hatten. Eine ganz andere Qualität hatte die individuelle Verfolgung und Verschleppung in Konzentrationslager, der Millionen Menschen ausgesetzt waren. Auch etwa 10.000 homosexuelle Männer waren von dieser Form des NS-Terrors betroffen. Hingegen ist nicht ein einziger Fall einer lesbischen Frau historisch zu belegen, die aufgrund ihrer homosexuellen Veranlagung in die Verfolgungsmaschinerie der Nationalsozialisten geraten wäre.
Wir sind es den Opfern des NS-Terrors schuldig, an ihr Schicksal zu erinnern, ohne es durch leichtfertige und historisch nicht zu vertretende Gleichsetzungen zu nivellieren und zu entwerten. Hüten müssen wir uns davor, die Erinnerungs- und Gedenkkultur für gegenwärtige oder künftige Interessen zu instrumentalisieren.
Genau dies jedoch droht nun!
Gewidmet ist das Denkmal gemäß Bundestagsbeschluss vom 12. Dezember 2003 den „im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen“. Es soll die verfolgten und ermordeten Opfer ehren, die Erinnerung an das Unrecht wach halten und ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben setzen.
Die Aufgabe des Denkmals, die sich aus dem Bundestagsbeschluss ergibt, ist nur zu erfüllen, wenn der Kern, seine Widmung, nicht in Frage gestellt wird. Sehr geehrter Herr Staatsminister, wir appellieren deswegen an Sie, dafür Sorge zu tragen, dass mit dem Denkmal auch künftig „die verfolgten und ermordeten Opfer“ geehrt und die „Erinnerung an das Unrecht“ wachgehalten wird. Nur wenn die Erinnerung an das Unrecht nicht zur Geschichtsklitterung verkommt, wird mit diesem Denkmal auch „ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben gesetzt“ werden können.
Gerne stehen wir Ihnen für weitere Informationen oder ein persönliches Gespräch zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
Der Vorstand des Vereins zur Erforschung der Geschichte der Homosexuellen in Niedersachsen (VEHN) e.V.
c/o Rainer Hoffschildt
Mitglied im Beirat der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten
Lister Meile 35
30161 Hannover
Tel.: 0511- 66 10 55
<mailto:r.hoffschildt@htp-tel.de>r.hoffschildt@htp-tel.de
gemeinsam mit:
Alexander Zinn
Mitglied des Internationalen Beirates der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten
Tel.: 0171 – 530 71 88
<mailto:zinn@cultpress.de>zinn@cultpress.de
Joachim Müller
1993-2001 Mitglied des Internationalen Beirates der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten
Eberhard Zastrau
2001-2007 Mitglied des Internationalen Beirates der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten
Unterzeichner des Offenen Briefes:
Prof. Dr. Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten
Dr. Insa Eschebach, Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück/ Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten
Dr. Gabriele Hammermann, Leiterin der Gedenkstätte Dachau
Prof. Dr. Volkhard Knigge, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora
Dr. Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätte Mittelbau-Dora
Dr. Habbo Knoch, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten
Dr. Thomas Rahe, Wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen
Dr. Detlef Garbe, Direktor der KZ-Gedenkstätte Neuengamme
Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg
Thomas Lutz, Gedenkstättenreferent der Stiftung Topographie des Terrors
Dr. Peter Fischer, Vertreter in Gedenkstättenangelegenheiten des Zentralrats der Juden in Deutschland im Internationalen Beirat der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten
Alexander Zinn, Soziologe, Vertreter des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg im Internationalen Beirat der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten
Joachim Müller, Autor des Buches „Homosexuelle Männer im KZ Sachsenhausen“, 1993 bis 2001 Mitglied im Internationalen Beirat der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten
Eberhard Zastrau, 2001 bis 2007 Mitglied im Internationalen Beirat der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten
Rainer Hoffschildt, Mitglied im Beirat der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, für den Vorstand des Vereins zur Erforschung der Geschichte der Homosexuellen in Niedersachsen e.V. (VEHN)
Stefan Reiss, Mitglied im Stiftungsrat der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung (HMS)
Dr. Klaus Müller, Volkswirt, Vorsitzender der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung (HMS)
Rudolf Hampel für den Vorstand von Mann-O-Meter e.V. (MOM)
Peter Birmele und Volker Gasser für den Gesprächskreis Homosexualität der Evangelischen Advent-Zachäus-Kirchengemeinde, Berlin
Dr. Michael Bochow, Soziologe
Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Sozialwissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin
Dr. Rainer Marbach, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Akademie Waldschlösschen
Dr. Hans Gerhard Hannesen, Kunsthistoriker und Historiker
Andreas Pretzel, Historiker und Kulturwissenschaftler, Autor verschiedener Studien zur NS-Homosexuellenverfolgung
Prosper Schücking, Ministerialdirigent, Mitbegründer des Centrums Schwule Geschichte e.V. (CSG)”