Derek
2. Juli 2009 | Von andr | Kategorie: Filme, Kunst + KulturDerek – ein Film von Isaac Julien, mit Tilda Swinton (Edition Salzgeber)
Die britische Schauspielerin und Oskar-Preisträgerin Tilda Swinton hat mit Unterstützung des Filmemachers und Künstlers Issac Julien (mindestens) eine platonische Liebeserklärung auf ihren 1994 an den Folgen von Aids verstorbenen Freund Derek Jarman verfasst – in Form eines Films, in dem sie voller Respekt von ihren Erlebnissen und ihrer Zusammenarbeit mit Derek Jarman berichtet. Issac Julien hat diesen Film produziert und Tilda Swinton, die Derek Jarman sehr nahe stand, neben diesem ins Zentrum des Films gerückt. Der Film beginnt mit dem Brief von Tilda Swinton an Derek Jarman „Letter To An Angel“, den sie acht Jahre nach seinem Tod verfasst hat und nun eindringlich aus dem Off verliest. Eindrucksvoll ist auch ein Interview mit Derek Jarman selbst aus dem Jahre 1991, in dem er offen über seinen bevorstehenden Tod spricht und bereits von der tödlichen Krankheit gezeichnet ist. Längst ist er wieder – wie schon in seiner Jugend – zum Malen zurückgekehrt. Der Film integriert auch Super-8-Filme von Jarman und seinen Eltern sowie Ausschnitte aus Jarmans Filmen. Dereks erster Film, den er vor dem Zweiten Weltkrieg sieht, ist „Der Zauberer von Oz“ – und anfangs hat er noch Angst vor Filmen!
Aus Derek Jarmans eigener Sicht wurde seine sexuelle Entwicklung dadurch stark beeinflusst, dass man ihn mit 9 oder 10 Jahren im englischen Internat mit einem anderen Jungen im Bett erwischte und – ohne dass er wusste, wie im geschah – vor der ganzen Schule bloß stellte. So flüchtete er sich als Teenager in die Malerei sowie ins fast zwanghafte Sammeln und wurde zum Workaholic, der sich wundert, dass andere Menschen einfach Tee trinken. Sex tritt erst später in sein Leben – auf einer USA-Reise ist er ebenso fasziniert wie überfordert, lernt aber nach seiner Rückkehr nach England schnell schwule Künstler kennen, darunter David Hockney. Bald bekommt er seine erste Kamera in die Hand. Sein erster eigener Film „Sebastiane“ im Jahre 1976 ist gleich spektakulär: Durchgehend auf Latein mit englischen Untertiteln ist er so explizit homoerotisch – nach längerer interner Diskussion bleibt der erigierte Penis drin – wie wohl kaum ein Film zuvor und kommt genau zur richtigen Zeit. Schon drei Jahre später begann mit der Ära Thatcher der Rollback in Großbritannien und die Schwulen verloren manche gerade erst erkämpfte Freiheit schon wieder.
In der Endphase des Film „The last of England” erhielt Jarman seine Diagnose als HIV-Positiver. Schnell macht er sie öffentlich und wird aufgrund seines ebenfalls freigiebig geschilderten Sexualverhaltens als Massenmörder beschimpft. Die daraus resultierende Auseinandersetzung bewertete er selbst als gesellschaftlich wirksamer als seine Filme (u.a. Sebastiane, Wittgenstein, Caravaggio, Blue, The Angelic Conversation).
Zum Bonusmaterial gehört ein beeindruckendes Interview mit der sprachgewaltigen Tilda Swinton über ihre Zusammenarbeit und Freundschaft mit Derek Jarman. Ihn und Shakespeare hält sie übrigens für die geheimen Papisten Englands.
Ansgar Drücker