Die Vertreibung aus dem Serail – Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt

1. Februar 2009 | Von andr | Kategorie: Bücher, Kunst + Kultur

vertreibungausdemserailGeorg Klauda: Die Vertreibung aus dem Serail – Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt
(Männerschwarm)

Das landläufige Vorurteil und das Bild in den Medien stimmen überein: Islamisch geprägte Staaten sind schwulenfeindlich, intolerant und bestrafen Homosexualität im schlimmsten Fall mit der Todesstrafe. Gleichzeitig gibt es wohl kaum eine Weltregion, in der Männer so zärtlich und gefühlvoll miteinander umgehen – unabhängig von dem, was im Abendland als sexuelle Orientierung eine eigene Kategorie geworden ist. Diesem Widerspruch geht Georg Klauda akribisch nach, allerdings so parteiisch für die der öffentlichen Meinung entgegengesetzte Position, dass er das Kind schon fast wieder mit dem Bade ausschüttet und nicht ohne heftige Beschimpfungen z.B. der deutschen Schwulenbewegung im Allgemeinen und des Schwulen Überfalltelefons Berlin im Besonderen oder des deutschen Feminismus auskommt – in einer ansonsten sehr lesenswerten Studie mit wissenschaftlichem Anspruch.

Die Kernthese des Autors ist, dass die dem Islam zugewiesene Homophobie eher im Westen und im Christentum zu Hause ist als im Islam. Der Westen, der sich gerade erst aus seiner eigenen Tradition der Schwulenfeindlichkeit befreit, sieht nun die Schwulenfeindlichkeit in islamischen Ländern als „vorzivilisatorisches Relikt“, das nicht nur dem Islam, sondern gleich auch den türkischstämmigen Jugendlichen in Deutschland zugewiesen wird. Und das, nachdem gerade Schwule die Homoerotik von Tanger bis an den Golf lange Zeit genossen haben… Die Schwulenfeindlichkeit, so Klauda, sei in diesen Ländern erst durch westliche und postkoloniale Einflüsse entstanden. Westliche heterosexuelle Augen, so macht er am Beispiel von aufschlussreichen und mitunter amüsanten Reiseberichten deutlich, hätten den sehr emotionalen und körperlichen Umgang unter Männern im Orient erst mit ihrer Vorstellung von Homosexualität in Verbindung gebracht. Sie aber, die „Botschafter der Moderne“ aus dem Westen, seien so erst zu Trendsettern im Orient geworden und hätten den selbstverständlichen Umgang der Männer untereinander mit dem „schwulen“ Makel belegt. Dabei reichen die Reiseberichte bis in die heutige Zeit hinein. Was Soldaten in Afghanistan beobachten, lässt einige offensichtlich bis heute vermuten, alle Afghanen seien schwul… Erotische Anziehung unter Männern ist im Islam ein gegebenes Faktum, so seine Einschätzung. Es geht dem Islam allenfalls um die Eindämmung von Maßlosigkeit und beispielsweise um Analverkehr als genau beschriebener und eingegrenzter Straftatbestand, nicht um (das westliche Konstrukt) Homosexualität an sich. In des islamischen Welt seien im Gegenteil homosexuelle Beziehungen durchaus in Ordnung, aber noch lange kein Grund, eine eigene Identität daraus zu konstruieren. Und darum ist, so der Autor weiter, die Homosexuellenverfolgung eben keine „Eigenart“ der islamischen Welt, sondern im und vom Westen „gemacht“.

Spätestens hier stellt sich natürlich die Frage, ob diese Erklärung tatsächlich geschehende Menschrechtsverletzungen, auch wenn sie im Westen gelegentlich als zahlreicher und dramatischer wahrgenommen werden, durch derartige Erklärungsansätze relativiert oder gar legitimiert werden können. Dieser Frage widmet sich der Autor nicht im Detail.

Ausführlich widmet er sich – ebenfalls mit sehr interessanten Quellen aus vielen Jahrhunderten – der Entstehung der Strafbarkeit und Verfolgung der Homosexualität in Europa sowie der Ausbildung einer schwulen Szene (die Engländer haben’s erfunden!) und Identität.

Anschließend erläutert er, wie Homosexualität in der heutigen Türkei im Kemalismus als Überbleibsel der osmanischen Vergangenheit und damit als altmodisch und zu überwinden konstruiert wurde. In dieser der westlichen Bewertung von Homosexualität nacheifernden vermeintlichen Modernisierung sieht er die Hauptursache für die heutige Abwehr der Homosexualität in der türkischstämmigen Einwanderergesellschaft.

Der Schwulenbewegung wirft er „Realitätsverlust“ und eine „paternalisierende Überheblichkeit“ vor sowie die „Unfähigkeit, die Heteronormierung der eigenen Gesellschaft überhaupt noch als solche wahrzunehmen“. In Deutschland nämlich seien sich liebende, zärtliche und Händchen haltende Männer ungewohnt, nicht aber im Orient. Ob seine Analysen genügen, um der Schwulenbewegung einen „Bodensatz rassistischer Anschauungen“ zu unterstellen, mag man außerhalb des polarisierenden Berliner Diskurses differenzierter bewerten. Der von ihm attestierte „Wunsch der Schwulen sich selbst als Teil einer emanzipierten, toleranten und weltoffenen Gesellschaft zu sehen“, ist allerdings tatsächlich nicht zu verleugnen.

Ausgesprochen interessante Passagen gibt er aus Berichten von Ali Mahdjoubi, einem in Berlin lebenden gebürtigem Iraner, wieder. Insgesamt leistet das Buch denn auch einen wertvollen Beitrag zum Verständnis von Homosexualität und mann-männlicher Erotik im Islam – mit einer Vielzahl interessanter Quellen. Leider argumentiert der Autor ebenso einseitig wie seine (vermeintlichen) Gegner. Gefragt wäre nun eine Betrachtung, die die unterschiedlichen Analysestränge und die Realitäten in Deutschland und in der islamischen Welt zusammenführt und nach Lösungsmöglichkeiten für die nicht zu leugnenden Konflikte, Menschenrechtsverletzungen und Gewalttätigkeiten sucht.

Ansgar Drücker

Tags: ,

4 Kommentare auf "Die Vertreibung aus dem Serail – Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt"

  1. [...] Die Vertreibung aus dem Serail – Renzension in den HIVnachrichten. [...]

  2. [...] Jetzt online: „Abwälzen auf die anderen“ – Besprechung von Die Vertreibung aus dem Serail in der jW-Literaturbeilage zur Leipziger Buchmesse. Und eine weitere Rezension in den HIVnachrichten. [...]

  3. [...] zu dem der Veranstaltung zugrundeliegenden Buch u.a. in der jungen Welt Literaturbeilage, den HIVnachrichten und den [...]

  4. [...] zu dem der Veranstaltung zugrundeliegenden Buch u.a. in junge Welt, HIVnachrichten, Streifzüge und Rosige Zeiten.) Tags: biopolitic, culturassism, dates, heteronormativity, opium, [...]