Michael Sollorz: Die Eignung (MännerschwarmVerlag)
22. September 2008 | Von andr | Kategorie: Bücher
Michael Sollorz ist einer der bekanntesten schwulen Autoren im deutschsprachigen Raum und ein Mann der deutlichen Sprache. Sein neuer Roman „Eignung“ hat eine andere Ausrichtung: Der dort auftretende Ich-Erzähler Lars Hagner schreibt den Rechenschaftsbericht über sein Leben, das davon geprägt ist, das andere ihm die Entscheidungen abnehmen. Er ist ein Mensch, der sich an ausgewählten Autoritätspersonen orientiert, und bezeichnet sich selbst als intelligent und unauffällig. Man könnte auch sagen, er ist ausgewählten Vorgesetzten ohne Kompromisse hörig bis hin zur Übererfüllung seiner vermeintlichen Aufgaben. Ihn als zwanghaft zu bezeichnen, wäre noch untertrieben – das einzige Unregelmäßige in seinem Leben ist das gelegentliche Masturbieren unter der Dusche… Er ist zwar schwul, aber das ist nicht einmal so eindeutig: Nach einer herzlichen, aber eher flüchtigen Begegnung schreibt er den erschreckenden Satz: „Nie wieder in meinem Leben ist mir ein Mensch so nah gewesen.“ Ein wichtige Rolle in seiner Kindheit hat sein Großvater gespielt, von dem er spät erfährt, dass dieser schwul war – und deswegen sowohl im Nationalsozialismus als auch in der DDR verurteilt wurde. Auch auf seinen Spuren bewegt er sich – mit einigen Rückschlägen.
Die Erzählstränge pendeln im Wesentlichen zwischen den zwei Jahrzehnten von 1988 bis heute. Vor der Wende war er bei der kasernierten Volkspolizei tätig und lebt in deren Regelwerk mit großer Befriedigung. Pflichterfüllung, absolutes Vertrauen zu Vorgesetzen und die Logik von Befehl und Gehorsam prägen sein Leben und werden ihm zum Halt gebenden Korsett. Zweifel kommen ihm nicht. Dann kommt die Wende – in seinen Worten der Anschluss -, die ihm zunächst den Boden unter den Füßen wegzieht. Er erlebt sie als chaotische Auflösung aller vertrauten Strukturen. „Freiheit ist Opium für das Volk,“ schreibt er einem West-Lover auf den Spiegel. Er durchlebt eine Krisenzeit mit Alkoholexzessen und ersten Erfahrungen in der Westberliner Schwulenszene. Er findet als Hausmeister und Schöffe am Landgericht – hierhin wird er später in anderer Rolle zurückkehren – eine gewisse oberflächliche Befriedigung, bis er seinen früheren Vorgesetzen wiedertrifft. Wofür er jetzt kämpft, ist ihm nicht nur egal, er weiß es nicht einmal. Aber er geht soweit, dass er für seinen Vorgesetzten tötet – ohne Fragen, ohne Zweifel.
Ost und West werden das Buch möglicherweise unterschiedlich lesen. Die Wessis sollten wissen, das NSW das nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet ist, aber auch vielen Ossis muss manches fremd bleiben. Und doch ist das Innenleben von Lars Hagner die Annäherung wert, wenn es auch weniger von seinen Hoffnungen, als vielmehr von seinen Irrtümern und seiner Tragik gekennzeichnet ist. Das Buch ist nicht das, was man von einem schwulen Roman erwartet, aber auf eine ganz eigene Art und Weise packend, irritierend und absolut lesenswert.
Ansgar Drücker