Westler
26. August 2008 | Von andr | Kategorie: Filme
Berlin 1984. In der geteilten Stadt entsteht eine Freundschaft zwischen Felix (West) und Thomas (Ost). Eigentlich nur widerwillig führt Felix seinen Besuch aus Los Angeles, wo der Film beginnt, in den Ostteil der Stadt. Ohne Drehgenehmigung und daher in leicht verwackelten und unscharfen Bildern lässt sich eine Stadtbesichtigung Unter den Linden, am Brandenburger Tor und am Marx-Engels-Forum nachvollziehen, die allein den Film schon zu einem historisch wertvollen Dokument macht. Dort lernt er – klassisch an der Weltzeituhr am Alexanderplatz – Thomas kennen und bald dessen Einraumwohnung am Prenzlauer Berg (damals noch ein Fremdwort für Wessis), die Altbaucharme und liebevoll arrangiertes DDR-Product-Placement mit Milchflaschen oder Haferschneeflocken verbindet. Ein gemeinsamer Ausflug in die Schoppenstube schließlich ist heute eine nette Reminiszenz an die DDR-Schwulenszene. Die zahlreichen und in aller Ausführlichkeit und bedrückender Atmosphäre geschilderten Seitenwechsel von Ost nach West in der Grenzübergangsstelle Friedrichstraße, die Felix in den folgenden Wochen und Monaten über sich ergehen lassen muss, vervollständigen die dichte und sehr authentische Schilderung des Berliner Alltags in den 80er Jahren. Einige unfreiwillig komische Szenen beleuchten die Macken von Ost und West. Felix schildert Thomas seine WG als eine Art Wohnkombinat, der USA-Besucher gesteht Thomas, er sei der erste Ostdeutsche, mit dem er rede und das sei für ihn historisch, und Felix hat auf die Frage nach seinem Beruf keine wirkliche Antwort. Einer der ersten Kontakte wird durch einen Freund, der in einem Hotel arbeitet, hergestellt: Dort ergattert er eine Telefonleitung in den Westen – schon die Wählscheibe ist ein Vergnügen – und wundert sich zunächst, dass sich in der Westberliner WG zunächst jemand anders meldet.

Den beiden bleiben immer nur wenige Stunden – die Aufenthaltsgenehmigung von Felix endet pünktlich um 24 Uhr. Die Beziehung wächst langsam – und die Freundschaft steht gegenüber dem Sex in der Darstellung deutlich im Vordergrund – und leidet zunehmend unter den besonderen Vorzeichen einer Liebe über die Mauer hinweg, bis zu entwürdigenden Szenen beim Grenzübertritt und der Angst vor Folgen für Thomas. So entsteht zunehmend der Wunsch nach einer Ausreise in den Westen – ein Antrag ist bereits gestellt…
Quasi als Vorspiel zur ersten Sexszene zwischen den beiden zeigt eine Rückblende die zweischneidigen erotischen Potenziale von Thomas Zeit bei der Nationalen Volksarmee. Und danach folgt das Fleischkombinat, in das der Rat des Stadtbezirks ihn schließlich beordert. Der mutige Film wurde 1985 im ZDF gezeigt.
Ansgar Drücker
Westler – Die Jubiläums-Edition
D 1985, Farbe, deutsche Fassung, 94 Min, FSK 16
Salzgeber, D169