Paragraph 175
2. Januar 2008 | Von andr | Kategorie: Filme
Der Historiker Dr. Klaus Müller, Projektleiter Europa beim U.S. Holocaust Museum, hat fünf schwule Zeitzeugen und eine lesbische Zeitzeugin interviewt, die ihre Homosexualität während der Zeit des Nationalsozialismus auf unterschiedliche Art und Weise ausgelebt haben und zu den wenigen Überlebenden gehören. Besonders erschütternd ist, dass sie häufig auch nach dem Krieg unter Verfolgung litten, im Gefängnis saßen oder vergeblich auf eine Rehabilitierung – sei es moralisch oder finanziell – warteten.
Auch wenn der Film mit den Bomben des 2. Weltkriegs in Berlin beginnt, verzichtet er auf tragische und grauenvolle Bilder und lässt die Aussagen der Interviewten für sich wirken – mit ihren romantischen ebenso wie mit ihren tragischen Elementen. Die Erinnerungen einiger reichen bis ins Berlin der 20er und frühen 30er Jahre zurück, das sie als Paradies für Schwule beschreiben. Fühlten sich die Schwulen anfangs noch sicher, wurde der Röhm-Putsch tragischerweise von den Nationalsozialisten und von ihren Gegnern genutzt, um Schwule zu diskreditieren – und die Verfolgung begann. Einige Jahre später genügten Gerüchte, Blicke oder flüchtige Berührungen, um (vermeintlich) Schwule ins KZ zu schicken.
Heinz F. kehrte 1945 nach über acht Jahren aus Dachau und Buchenwald zurück und konnte über Jahrzehnte mit niemandem über seine Erlebnisse sprechen. Der im Elsass geborene Pierre Seel hatte sich eigentlich vorgenommen, nie wieder mit einem Deutschen zu sprechen. Er wurde im KZ vergewaltigt und seine Wut auf die Deutschen ist heute noch sehr lebendig. Der Künstler Albrecht Becker wählte nach Verhaftungen aufgrund seiner Homosexualität zur Wehrmacht zu gehen, um der Verfolgung zu entgehen und unter Männern zu sein. Gad Beck hat im jüdischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus mitgewirkt erzählt von der Befreiung seines Freundes aus den Händen der Gestapo, woraufhin er doch zu seiner Familie zurückkehrte, da er sie nicht allein lassen konnte und wollte, und abtransportiert wurde. Gad Beck berichtet aber auch mit lebhafter Begeisterung, wie er in der jüdischen Schule unter der Dusche seinen Sportlehrer angefallen hat – und nicht umgekehrt. Heinz Dörmer wurde nach einem längeren KZ-Aufenthalt auch nach 1945 mehrmals verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt. Auch sein Freund starb im KZ. Die Lesbe Annette Eick schließlich wurde zwar nicht verfolgt, dennoch gelang ihr nur mit Hilfe einer Freundin und als einzigem Mitglieder ihrer jüdischen Herkunftsfamilie die Flucht nach London.
Der Film ist ein bewegendes Dokument mit einigen der letzten Überlebenden aus einer Zeit, die nicht nur Grauen und Vernichtung über weite Teile der Welt brachte, sondern auch das Schwulenbild in Deutschland erschreckend lange beeinflusst hat.
Ansgar Drücker
Paragraph 175
USA, Großbritannien, Deutschland 1999,
76 Minuten
Regie: Robert Epstein, Jeffrey Friedman
Edition Salzgeber, www.salzgeber.de